Dass die beliebte Küchenknolle mit dem internationalen Tag der Kartoffel am 30. Mai einen eigenen Ehrentag hat, ist einerseits verständlich. Andererseits aber frage ich mich nach der Lektüre von Alles Kartoffel von Martin H. Lorenz, ob nicht jeder Tag ein Tag der Kartoffel sein sollte – oder zumindest jeder zweite. Dieses im Callwey Verlag erschienene Buch punktet nicht nur mit Wissen und Einordnung, sondern auch mit einer beeindruckenden Bandbreite an Rezepten. Und es zeigt, wie galant die Knolle zwischen Alltagsküche und Haute Cuisine changiert und von Spitzenköchen zubereitet wird.
Von Basiswissen bis Sterneküche
Ob für passionierte Genussmenschen oder ambitionierte Hobbyköche – in Alles Kartoffel wird der Titel wörtlich genommen. Mit einer gut portionierten Detailtiefe erklärt es alles Interessante, Wissenswerte und Wichtige rund um die beliebte Erdknolle. Auf einen informativen Teil mit allen Grundlagen und -zubereitungen folgen über 70 Rezepte – von Vorspeisen und Salaten über Hauptgerichte bis zu Brot und Dessert – bei denen die Knolle mal die Haupt- und mal die Nebenrolle spielt. Ihr kleinster gemeinsamer Nenner: Alle Rezepte sind von renommierter Spitzenköchinnen und -köchen entwickelt oder zumindest inspiriert, darunter Dieter Müller, Cornelia Poletto, Stefan Marquard, Sven Wassmer und viele andere. So ist Alles Kartoffel ein kuratiertes Porträt eines Lebensmittels, das seine Qualitäten auf die verschiedensten Weisen ausspielen kann.

Die Vielseitigkeit der Kartoffel im Blick
Schon im Sachteil des Buches überzeugt Martin H. Lorenz mit jeder Menge Kartoffel-Insights, denen ich viel Neues entnehmen konnte. Angefangen bei Herkunft, Sortenvielfalt, Anbau, Lagerung, Haltbarkeit, Nährstoffen und Erntezeitpunkt über Grundzubereitungen, Schnitt- und Reibetechnik, typische Gartechniken und nützlichen Utensilien bis hin zu einer Tabelle mit Flavour-Pairings wird hier die Vielseitigkeit eines alltäglichen Produktes illustriert, die sonst oft übersehen wird. Hinzu kommen zahlreiche Basisrezepte wie Kartoffelfond, Kartoffelteig, Kartoffelpüree, Chips, Pommes und mehr, die das Werk zu einem verlässlichen Nachschlagebuch machen. So hatte ich schon lange vor dem Rezeptteil die ersten »Das könnte ich mal machen«-Ideen im Kopf.
Alles Kartoffel – Rezepte mit persönlicher Handschrift
Nach dem informativen ersten Drittel zeigen die Rezepte namhafter Köchinnen und Köche die Kartoffel als wandlungsfähige Hauptdarstellerin und geben dem Buch eine elegante europäische und internationale Perspektive. Auffällig ist die klare Struktur der Anleitungen. Mengenangaben, Zeiten, Schwierigkeitsgrad und Tipps zum Anrichten sind sauber ausgewiesen, sodass sich selbst anspruchsvollere Zubereitungen gut nachvollziehen lassen. An nur einer Stelle ist mir eine jener kleinen Stolperfallen aufgefallen, die man aus vielen Kochbüchern kennt: wenn erst im dritten Absatz des Rezepts zu lesen steht, was man schon 24 Stunden zuvor hätte vorbereiten sollen. Doch wer liest schon ein Rezept während der Zubereitung zum ersten Mal? Daher schmälert diese kleine Unschärfe die hohe Qualität des Buches kaum, ist die Handschrift doch insgesamt angenehm präzise und professionell.

Hungrig gelesen und geschaut
Auch visuell hat mich Alles Kartoffel von vorne bis hinten begeistern können. Die Kapitel beginnen mit Schwarzweißbildern, die wie sorgfältig ausgearbeitete Bleistiftzeichnungen wirken und dem Buch eine ruhige, fast grafische Eleganz geben. Im großen Rezeptteil werden die detaillierten Vorbereitungs- und Zubereitungsanweisungen sowie die Tipps zu Anrichten von zumeist ganzseitigen Fotografien begleitet. Der Stil der Bilder ist ebenso klar wie abwechslungsreich, die Gerichte sind nicht überinszeniert, sondern appetitlich und präzise erfasst. Dass die Bildsprache vom renommierten Fotografenduo JUNI stammt, passt zu diesem Anspruch an Ruhe, Klarheit und gestalterischer Souveränität. So freue ich mich über ein Buch, das mich nicht nur viel Neues lehrt, sondern auch ästhetisch ein Leckerbissen ist.
Fazit: Alles Kartoffel ist ein hochwertiges, sorgfältig komponiertes Kochbuch über ein oft unterschätztes Grundprodukt als kulinarische Protagonistin statt als Nebendarstellerin. Es verbindet fundiertes Wissen, internationale Rezeptideen und eine elegante Gestaltung zu einem Band, der in jeder gut sortierten Genussbibliothek seinen Platz verdient.
Infos zum Buch: Alles Kartoffel von Martin H. Lorenz, ISBN: 978-3-7667-2859-3, Callwey Verlag, 240 Seiten, 25 x 28 cm, 150 Abbildungen, Hardcover, 45,- Euro inkl. MwSt.
Rezepte zum Ausprobieren: Süßkartoffelgratin mit Ziegenkäse – ein cremig-würziges Ofengericht, in dem feine Scheiben der Süßkartoffel mit Ziegenkäse und knusprigen Pinienkernen verschmelzen. WINEALICIOUS!
Mehr Infos zum Buch findet ihr auf der Webseite von Callwey.
Hinweis: Das Rezensionsexemplar wurde uns vom Verlag zur Verfügung gestellt. Der Beitrag selbst wurde nicht bezahlt oder beauftragt. Weitere Informationen zu unserem Umgang mit Pressekonditionen gibt es hier.
