Was hinter vorgehaltener Hand schon länger gemunkelt wurde, ist nun offiziell: Der Guide Michelin hat den Grünen Stern abgesetzt. Die 2020 eingeführte Auszeichnung, mit der Restaurants für besonders verantwortungsvolle und nachhaltige Gastronomie bedacht wurden, wird 2026 nicht fortgesetzt. An ihre Stelle tritt jedoch kein neuer Preis, sondern ein komplett neues redaktionelles Format. Mit »Mindful Voices« will Michelin künftig Personen aus Gastronomie, Hotellerie und Weinbau vorstellen, die mit ihrer Arbeit Impulsgeber sind. Das Format soll am 1. Juni 2026 bei der Michelin-Zeremonie für die nordischen Länder in Kopenhagen starten. Anschließend wird das Format schrittweise in Europa und letztlich weltweit ausgerollt.
Mindful Voices – eine Auszeichnung die keine sein soll
Der Grüne Stern war für viele der ausgezeichneten Betriebe ein zusätzliches Marketingtool, denn er stand plakativ für regionale Lieferketten, ressourcenschonendes Arbeiten, Abfallvermeidung, Biodiversität, eigene Landwirtschaft und einen allgemein bewussteren Umgang mit Energie und Produkten. Schon bei seiner Einführung im Jahr 2020 wurde er als Versuch verstanden, nachhaltige Gastronomie im Michelin-System stärker zu präsentieren. Michelin begründet den Wechsel nun mit dem Fokus auf einen insgesamt breiteren Ansatz. Während der Grüne Stern einzig auf Restaurants beschränkt war, sollen die Mindful Voices neben Hotels auch Weinproduzenten einbeziehen. Für diese Neuausrichtung sind Porträts, redaktionelle Beiträge und weitere Inhalte auf den digitalen Michelin-Plattformen vorgesehen. Eine klassische Auszeichnung mit eigenem Symbol, wie es der Grüne Stern war, ist Mindful Voices jedoch nicht.
Fragwürdige Praktiken bei der Vergabe der grünen Sterne?
Grundsätzlich war der Grüne Stern von Beginn an nicht frei von Fragen. So wurde kurz nach seiner Einführung lebhaft darüber diskutiert, wie belastbar seine Kriterien sind und wie der Guide Michelin die nachhaltige Praxis vor Ort überhaupt überprüft. Es wurden Zweifel an ausreichender Transparenz und der Belastbarkeit der grundlegenden Prüfprozesse laut, ebenso wie die Vermutung, dass gutes Marketing und pfiffige PR-Texte manches Mal auch schon für eine Auszeichnung ausgereicht haben sollen.
Die Abkehr vom Grünen Stern trotzdem teilweise skeptisch betrachtet. Die Reaktionen einiger Restaurants, die zukünftig den Grünen Stern verlieren, kann man durchaus als enttäuscht bezeichnen. Kritische Stimmen befürchten, dass die in der Vergangenheit ausgezeichneten Betriebe zukünftig an Sichtbarkeit verlieren könnten. Darunter fallen auch Restaurants, die das umfangreiche Thema der Nachhaltigkeit nicht nur nebenher, sondern als festen Kern ihres Gesamtkonzepts begreifen.
Breitere Ausrichtung des Michelin
Die aktuelle Neuausrichtung passt jedoch zu Michelins größerem Umbau. Der Guide erweitert sein Feld bereits seit Jahren über Restaurants hinaus: Hotels werden über die Michelin Keys sichtbarer und seit letztem Jahr rückt auch Wein über neue Formate stärker ins Blickfeld. Die Zeitung Le Monde ordnet das Ende des Grünen Sterns deshalb als Teil einer breiteren Strategie ein: Michelin soll als internationale Plattform für Gastronomie, Hotellerie und Wein positioniert werden.
Für die Weinwelt kann Mindful Voices durchaus interessant sein, denn erstmals nennt Michelin Weinproduzenten ausdrücklich als Teil des Nachhaltigkeitsdiskurses. Themen wie Herkunft, Bodenarbeit, Biodiversität, Energieeinsatz und langfristige Verantwortung könnten so an eine breitere Öffentlichkeit herangetragen werden. Offen bleibt jedoch vorerst, ob ein redaktionelles Porträt die gleiche Wirkung entfalten kann wie ein klar erkennbares Symbol, wie es der grüne Stern im Guide war. Michelin setzt jedenfalls künftig mehr auf Geschichten als auf Symbole. Man wird sehen, ob das genügt.
